wiebke_sannemann_400x420Sabine_Buergermann

von Wiebke Sannemann (WS) und Sabine Bürgermann (SB)

Der vorliegende Artikel bezieht sich auf  den Artikel „Burnout Prävention„. Darin fasste unsere Autorin Sabine Bürgermann die wichtigsten Aspekte zur Burnout Prävention für Führungskräfte zusammen, wie beispielsweise soziale Herausforderungen sowie die Bedeutung für die Organisationen und  für die direkten Führungskräfte.  Im folgenden Dialog geht es den beiden Autorinnen um Antworten auf die Frage, wie man Burnout Prävention in Unternehmen als Führungskraft konkret umsetzen kann.

 

Der Streß in Unternehmen nimmt zu

WS: Strategien und Ansätze zur Burnout Prävention – gerade mit Blick auf die Lebenswelt „Betrieb/Unternehmen“ – werden immer wichtiger und notweniger. In Zeiten des demografischen Wandels, von Multitasking, Arbeitsverdichtung und vielschichtigen Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unternehmen, muss nicht nur die bzw. der Einzelne Verantwortung für sein Wohlbefinden übernehmen sondern das Unternehmen und speziell die Führungskräfte stehen in der Pflicht gesundheitsförderliche und Angebote und Strukturen zur Burnout Prävention zu schaffen. Vor diesem Hintergrund freue ich mich besonders über deinen Artikel und die umfassende Herangehensweise, wie du das Thema Burnout Prävention beleuchtet hast.

Denn ich gebe dir Recht, dass durch die veränderten Anforderungen und unterschiedlichen Arbeitszeitmodelle die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermehrt negativem Stress ausgesetzt sind, der manchmal den Weg ins Burnout auslösen kann. Die Studie von der Universität St. Gallen unterstützen eindrücklich diese Tendenzen.

Hier würde mich zusätzlich interessieren, auf welche Ressourcen können die anderen 50 %der  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurückgreifen, die nicht das Gefühl haben sich in einer Beschleunigungsfalle zu befinden? Ist das Empfinden an Aufgaben oder den Arbeitsplatz gebunden? Bzw. betrifft das negative Empfinden eher Mitarbeitende in monotonen oder selbstbestimmten Arbeitsprozessen?

Raus aus der Beschleunigungsfalle

SB: Danke, für Deine interessanten und weiterführenden Fragen. Die ergeben noch einmal neue Aspekte und Möglichkeiten, um das Thema Burnout Prävention zu vertiefen. Eine Studie der Universität St. Gallen zeigt auf, dass sich 50% der 600 untersuchten Unternehmen in eine Beschleunigungsfalle befinden. Leider findet sich in dieser Studie kein Hinweis darauf, was die restlichen Unternehmen auszeichnet, die sich nicht in der Beschleunigungsfalle befinden.

Eine Anschlussstudie macht jedoch deutlich, dass Unternehmen, die die Beschleunigungsfalle erkannt haben, dann eine erfolgreiche Tendenz „raus aus der Beschleunigungsfalle“ aufweisen, wenn sie im Sinne einer „lesson learned“ folgendes berücksichtigen:

  • Regenerationszeiten nach anstrengenden Veränderungsphasen
  • Vorleben von „Entschleunigung“ durch die Führungskräfte
  • die Verankerung von Auszeiten und Reflexionsmomenten

Hier gibt es eindeutige Zahlen, die belegen, dass Unternehmen, die diese Faktoren berücksichtigen, wieder ‚gesunden‘.

A great Place to Work

Andere Untersuchungen im Kontext von Burnout Prävention machen deutlich, dass die Gesundheit von Arbeitnehmern, auch in Abhängigkeit einer attraktiven Arbeitsplatzkultur zu sehen ist. So sagt Frank Hauser, Geschäftsführer von Great Place to Work, Deutschland: „ Beim Aufbau einer attraktiven Arbeitsplatzkultur geht es in erster Linie nicht um besondere Vergünstigungen und Leistungen für die Beschäftigten. Grundlegend ist vielmehr die Entwicklung förderlicher Beziehungsqualitäten und die Formulierung von Werteversprechen im Unternehmen.“ Ein ‚great place to work‘ ist ein Arbeitsplatz, an dem man denen vertraut, für die man arbeitet, stolz ist auf das, was man tut und Freude hat an der Zusammenarbeit mit Anderen.

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind wesentlich stabiler und belastbarer, wenn sie sagen können: „Ja, ich gehe gerne zur Arbeit.“ Für die meisten Arbeitnehmer bedeutet Burnout Prävention also, dass sie gute Beziehungen zu Vorgesetzten und Kollegen brauchen und angemessen an ihren Stärken und Kompetenzen eingesetzt werden. Im Dienstleistungsbereich gibt es eher eine Tendenz, selbst-bestimmt und mit hohen Freiheitsgraden arbeiten zu wollen.

Arbeitnehmer, die in Produktionsbetrieben arbeiten, klagen häufig über Monotonie und einseitige Belastung. Sie werden dann möglicherweise eher an einem Boreout leiden, also an einer Belastung, die durch zu wenig Abwechslung hervorgerufen wird. Hier geht es weniger um die persönlichen Freiheitsgrade, sondern um Regenerationsphasen z.B. gemeinsame aktive Pausen mit Entspannungsübungen, wie es ein bekannter norddeutscher Marzipanhersteller eingeführt hat.

 

Wie Sie mit Gesundheitsmanagement Burnout Prävention gezielt fördern

WS: Grund meiner Nachfrage ist außerdem der Ansatz zur Burnout Prävention, den du zum Ende deines Artikels angebracht hast – den Ansatz der Salutogenese. Wir bewegen uns danach – wie du auch beschreibst – auf einem Kontinuum zwischen Gesundheit und Krankheit. Es gibt nie den Zustand der „völligen Freiheit von Gebrechen“ aber auch nie den Zustand des „völligen Gebrechens“ (WHO 1986). Und mit diesem Blick auf, was erhält manche Menschen gesund und warum werden manche Menschen krank, stellte sich mir diese Frage.

Neben der individuellen Fähigkeit, die jede/jeder einzelne natürlich mitbringt, besteht Burnout Prävention darin, die Ressourcen und Widerstandskräfte der Mitarbeitenden zusätzlich dadurch zu stärken, dass z. B. Rahmenbedingungen und Strukturen im Unternehmenskontext verändert werden. Du hast das in deinem Vortrag als „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ benannt. Folgende Rahmenbedingungen und Strukturen sind der Burnout Prävention dienlich:

  • eine umfassende Strategie des Unternehmens zur Schaffung präventiver Angebote (z. B. Bewegungskurse, Kurse zur Stärkung der psychischen Gesundheit, Zeitmanagement)
  • die Etablierung gesundheitsförderlicher Strukturen wie bspw. Gesundheitszirkel zur Bedarfsermittlung und Umsetzung
  • Veränderungen am Arbeitsplatz/Arbeitsplatzsicherheit

Bei der Veränderung der Strukturen nehmen besonders die Führungskräfte in einem Unternehmen eine zentrale Rolle ein. Diesen Aspekt sprichst du auch in dem Artikel zur Burnout Prävention an – könntest du darauf noch einmal eingehen? Was müssen/können Führungskräfte genau tun? – auch vielleicht mit Blick auf die Einführung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements?

Worauf Führungskräfte bei Burnout Prävention achten sollten

SB: Ja, Führungskräfte können für Burnout Prävention natürlich sehr viel auf der Ebene der persönlichen Wirksamkeit tun. Gestützt durch eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung, kann ich eindeutig sagen, dass es einen relevanten Zusammenhang zwischen Arbeitszufriedenheit und Gesundheit und dem damit verbundenem Maß an einem Führungsverhalten gibt, das die menschlichen Grundbedürfnisse, arbeitsplatzrelevant unterstützt.

Bedürfnisse, die für die Burnout Prävention eine Rolle spielen sind:

  • Orientierung & Sicherheit
  • Sinn & Stimmigkeit
  • Lustgewinn & Unlustvermeidung
  • Selbstwerterhöhung & Selbstwertschutz

In meinen Seminaren zur Burnout Prävention erarbeite ich ganz pragmatisch mit den Führungskräften, wie sie diese Grundbedürfnisse in ihrem Fachbereich unterstützen können und somit Resilienz – also eine gesunde psychische Widerstandsfähigkeit – positiv beeinflussen.

Wenn alles nichts geholfen hat – Instrumente der Arbeitssituationsanalyse

Trotz aller Umsicht der Führungskräfte, kann es jedoch zu Arbeitsüberlastungen und psychischen Erschöpfungszuständen einzelner Mitarbeiter oder auch ganzer Teams kommen. Hier kann zum Beispiel die Arbeitssituationsanalyse eingesetzt werden, die voraussetzt, dass es im Unternehmen die Bereitschaft gibt, auch strukturelle Veränderungen vorzunehmen. Idealerweise haben Unternehmen, die dieses Instrument nutzen, einen Gesundheitszirkel, der nach einer Arbeitssituationsanalyse durch die Mitarbeiter, Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitssituation erarbeitet.

Bei der Konstruktiven Arbeitssituationsanalyse handelt es sich um ein Verfahren zur Beurteilung der Arbeitsverhältnisse eines bestimmten Arbeitsbereichs durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie ist ein Verfahren zur qualitativen Mitarbeiterbefragung – alternativ oder ergänzend zur quantitativen Befragung anhand von Fragebögen. Sie findet im Betrieb in Workshops statt. Pro Gruppe wird ein Zeitaufwand von 3 bis 4 Stunden veranschlagt. Unter Anleitung qualifizierter Moderatoren ermitteln die Beschäftigten in Gruppendiskussionen ungenutzte Ressourcen und psychosoziale Belastungspunkte innerhalb der Arbeitssituationen. Das Ergebnis dieser „Optimierungszirkel“ ist eine umfassende Analyse der Ist-Situation. Anschließend werden diese Ergebnisse im Gesundheitszirkel reflektiert und effektive Maßnahmen geplant und zur Umsetzung gebracht.

Dies ist natürlich nur eine Möglichkeit, um ein umfassendes Gesundheitsmanagement aufzubauen. Wichtig für eine wirksame Burnout Prävention scheint mir die Verzahnung aller Angebote, auch die von Dir aufgeführten Angebote zur Prävention, mit den Führungsleitlinien zum Thema Gesundheit und einem gesundheitsförderlichem Unternehmensleitbild.

Welche Instrumente zur Burnout Prävention sind wirksam?

WS: Seminare zur Förderung der Resilienz und eine umfassende Ist-Situations-Analyse sind wesentliche Instrumente zur Burnout Prävention für Unternehmen. Denn sie können so auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen und ein umfassendes Betriebliches Gesundheitsmanagement aufbauen. Ein weiteres sehr wirksames Instrument der Burnout Prävention – du bist darauf bereits eingegangen – ist die Stärkung des Sozialkapitals im Unternehmen. Mit dieser Aussage beziehe ich mich auf die Arbeit des  Gesundheitswissenschaftlers Prof. Dr. Bernhard Badura. Er versteht unter Sozialkapital die sozialen Beziehungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter untereinander aber auch, welche Verbindung die Mitarbeitenden zum Unternehmen (z.B. dem Leitbild, den Zielen etc.) haben. Eine aktuelle Dissertation an der Universität Bielefeld weist nach: Über die Stärkung des Sozialkapitals bspw. durch den Aufbau von Netzwerken und Beziehungen, besteht Möglichkeit die Gesundheit der Mitarbeitenden zu fördern und Erkrankungen wie Burnout vorzubeugen.

Es gibt also noch viele Dinge, an denen wir weiter denken sollten und auch in Zukunft weiter denken müssen. Denn nur durch:

  • umfassende Angebote
  • gesundheitsförderliche Strukturen im Unternehmen
  • die Befürwortung dessen auf Führungsebene

kann die Gesundheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gefördert und Erkrankungen vorgebeugt werden. Gesunde Mitarbeitende machen ein gesundes Unternehmen aus! Dein Artikel zur Burnout Prävention leistet einen sehr wertvollen Beitrag in diese Richtung. Vielen Dank!

 

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